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Archivale im Fokus

02.05.2016

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Vermerk vom 27. Juni 1945 über die Möglichkeiten, die rd. 600 in Lauenstein (bei Altenberg) untergekommenen nordböhmischen Flüchtlinge im Bergbau zu beschäftigen (SächsStA-F, 40064 Technisches Büro des Bergbaus und der Brennstoffindustrie, Nr. 1-136)
(©Sächsisches Staatsarchiv)

Integrationsbemühungen 1945: Die Bergverwaltung bemühte sich, Flüchtlinge aufzunehmen und gleichzeitig Arbeitskräfte für den Bergbau zu gewinnen.

Unmittelbar nach Kriegsende 1945 sahen sich die (noch bestehenden oder wieder eingerichteten) Verwaltungen in Deutschland mit dem Problem konfrontiert, eine große Anzahl von Menschen mit Unterkunft und Nahrungsmitteln und schließlich auch mit einer Existenzperspektive zu versorgen.Das Freiberger Oberbergamt nahm sich hierbei des Detailproblems an, unter den Flüchtlingen geeignete Arbeitskräfte für die sächsische Braunkohleindustrie zu rekrutieren. Einerseits mangelte es den Braunkohlebetrieben an Personal, da bis vor Kriegsende die Produktion vor allem von Zwangs- und Fremdarbeitern aufrechterhalten worden war, die nun nicht mehr zur Verfügung standen. Andererseits war die Produktion von Braunkohle als Heizmaterial für die Privathaushalte und als Brennstoff für die Industriebetriebe existentiell wichtig.

Im Bergarchiv Freiberg befindet sich hierzu im Bestand 40064 Technisches Büro des Bergbaus und der Brennstoffindustrie unter  der Signatur 1-136 eine noch vom bis 1946 existierenden Oberbergamt angelegte Akte mit der Laufzeit Juli 1945 – Oktober 1946. Bemerkenswert sind in diesem Archivale weniger einzelne Dokumente, als vielmehr das Gesamtbild, das sich über die Arbeit einer Behörde ergibt, die mit einem Teilaspekt einer Aufgabe konfrontiert war, welche geradezu aktuell anmutet: der Unterbringung und Integration von Flüchtlingen. Die Akte setzt mit einem Vermerk vom 27. Juni 1945 über einen Besuch in Lauenstein (nahe Altenberg) ein, wo rd. 600 Flüchtlinge aus Nordböhmen Aufnahme gefunden hatten (zum Vergleich: 1939 hatte Lauenstein 974 Einwohner). Unter diesen Flüchtlingen waren aber nur vier für eine Arbeit in der Braunkohle überhaupt geeignet, da die tschechischen Behörden zunächst alle arbeitsfähigen Männer an einer Ausreise hinderten. Auf den folgenden Seiten wird schließlich deutlich, dass es unmöglich war, in großer Zahl potentielle Arbeitskräfte einfach in das Leipziger Braunkohlerevier zu entsenden, weil dort weder Unterbringungs- noch Verpflegungskapazitäten existierten. Ende Juli 1945 wurde deshalb zunächst das Bergamt Leipzig in Altenburg angewiesen, bei den Montanbetrieben seines Zuständigkeitsbereichs den Arbeitskräftebedarf und die Unterbringungsmöglichkeiten zu erfragen. Mehr als zwei Wochen später, am 16.08. 1945, führte das Bergamt Leipzig erstmals eine Abfrage bei den Braunkohlebetrieben nach ihrem Personalbedarf durch, deren Ergebnisse am 27. September 1945 zusammengefasst und zu einer gezielten Arbeitskräftesteuerung genutzt wurden. Erst Anfang 1946 scheint sich das Verfahren einigermaßen eingespielt zu haben. Das letzte Blatt zeigt allerdings, dass auch noch ein Jahr später wichtige Probleme keineswegs gelöst waren. In einem Schreiben des Bergamts Leipzig, inzwischen umbenannt in Technische Bergbauinspektion, an das Oberbergamt Freiberg vom 08. Oktober 1946 wird deutlich, dass die Unterbringung der Bergmannsfamilien weiterhin Schwierigkeiten bereitete. Der darin gemachte Vorschlag mutet nach heutigen Maßstäben recht abenteuerlich an: Nicht-Facharbeiter (d.h. Personen aus Berufszweigen, die zunächst »entbehrlich« erschienen), sollten mit ihren Familien andernorts dienstverpflichtet werden, um so Wohnraum für Bergarbeiterfamilien frei zu machen. Dass im Dokument beispielhaft der Kreis Oschatz genannt wird, ist allerdings kein Zufall. Die Verteilung der Vertriebenen – nun »Umsiedler« genannt – war in Sachsen sehr unterschiedlich. Die größten Konzentrationen gab es in den grenznahen Kreisen sowie an der ehemaligen Demarkationslinie in den Kreisen Döbeln und Oschatz. Die Versuche der Verwaltung, gerade dort Vertriebene nochmals zu einem Wohnortwechsel zu bewegen, waren jedoch nicht erfolgreich. Über den Download gelangen Sie zu den vollständigen Schreiben.

Literatur:

Schwab, Irina, Flüchtlinge und Vertriebene in Sachsen 1945 – 1952. Die Rolle der Kreis- und Stadtverwaltungen bei Aufnahme und Integration, Frankfurt /Main [u.a.], 2001.

Spurny, Matej, Flucht und Vertreibung. Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Niederschlesien, Sachsen und Nordböhmen. Hrsg. von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der Brücke/Most-Stiftung zur Förderung der deutsch-tschechischen Verständigung und Zusammenarbeit Dresden, 2.Aufl. Dresden 2011.


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