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Archivale im Fokus

28.06.2017

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Nachrichtenbuch des Amtes Lauterstein, Ausschreibung wüster Güter im Amt Lauterstein 1681 (SächsStA-C, 30012 Amt Lauterstein (Justiz- und Rentamt), Nr. 1558, Bl. 417r - 418r)
(©Sächsisches Staatsarchiv)

Vom »sächsischen Sibirien« war die Rede, wenn Chronisten der Frühen Neuzeit über das Erzgebirge schrieben. Insbesondere die Kammregion galt als wild und lebensfeindlich und blieb deshalb weitgehend unbesiedelt. Wenn man heute entlang der sächsisch-böhmischen Grenze eine Vielzahl von Ortschaften vorfindet, so ist deren Entstehung eng mit einer Zuwanderungsbewegung verbunden, die im 17. Jahrhundert viele protestantische Glaubensflüchtlinge ins Erzgebirge brachte.

Eine Fülle von Archivalien des Sächsischen Staatsarchivs dokumentiert diese Zuwanderung, die nach dem kaiserlichen Rekatholisierungspatent für Böhmen seit 1650 Sachsen erfasste. Die Quellen gestatten Einblicke in das Schicksal der Vertriebenen und erhellen ihren Beitrag zur siedlerischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung einer noch unerschlossenen bzw. durch den Dreißigjährigen Krieg schwer geschädigten Region. Die stets im Einzelfall bewilligten Ansiedlungen gingen von Bittschriften der Exulanten selbst, aber auch von den Bemühungen der Beamten in den Ämtern des Erzgebirgischen Kreises aus.

Exemplarisch zeigt das Nachrichtenbuch des Amtes Lauterstein, wie dringend der Neubeginn nach dem Dreißigjährigen Krieg ansiedlungswillige Menschen brauchte und wie eng die Bemühungen um Überwindung der Kriegsschäden mit der Empfehlung zur Aufnahme von Exulanten verbunden waren. So weist das Verzeichnis wüster Güter und Häuser am 3. Februar 1681 in den Dörfern Ansprung, Blumenau, Lauta, Lauterbach, Olbernhau und Pobershau noch 42 verlassene Wohneinheiten aus, die öffentlich ausgeschrieben wurden. In derartigen Fällen beantragten die Beamten beim Landesherrn oft explizit die Erlaubnis, Baustätten und Güter an Exulanten vergeben zu dürfen. Die Perspektive der Amtleute ergänzte die Begründung der Aufnahme aus dem Konfessionsargument und aus christlicher Nächstenliebe heraus um die Hoffnung auf wirtschaftliche Stimulierung und behauptete sich darin letztlich auch gegen die Sorge vor Unruhen oder ungeliebter Konkurrenz für die bestehenden Orte.

Auf diese Weise gelang es, Bevölkerungsverluste auszugleichen, die Wirtschaft zu beleben und durch neue Ortsgründungen eine Art späten Landesausbau durchzuführen. Mit den Menschen kamen innovative Ideen und neue gewerbliche Impulse. So hängt die Erweiterung  der erzgebirgischen Gewerbelandschaft, z.B. um die Spielzeugherstellung um Seiffen, maßgeblich mit Zuwanderung zusammen. In der Geschichte des Erzgebirges gilt der Wiederaufbauprozess von 1650 bis 1700 als hoch respektabel und wird bis heute als prägend für die Identität des sächsisch-böhmischen Grenzraums angesehen.

Der Bestand 30012 Amt Lauterstein mit einer Laufzeit von 1504 bis 1870 umfasst insgesamt 36,66 lfm und ist über eine Datenbank voll erschlossen. Enthalten sind Unterlagen zu folgenden Themen: Amtsverwaltung, Gerichtsprotokolle, Rügenprotokolle, Steuerangelegenheiten, Zivilgerichtsbarkeit, Freiwillige Gerichtsbarkeit, Strafgerichtsbarkeit, Gesundheitswesen, Gemeindeangelegenheiten, Kirchenangelegenheiten, Schulangelegenheiten, Gewerbeangelegenheiten und Forstangelegenheiten.

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