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Archivale im Fokus

10.10.2017

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Auf einem gedruckten Briefkopf mit Abbildungen von Gebäuden in der Kolonie Dona Francisca, heute Joinville, Bundesstaat Santa Catarina, werden in der Heimat gebliebene Verwandte auf dem Laufenden gehalten, z. B. mit Informationen über das ungewohnte Wetter. (SächsStA-C, 32875 Dörffel - Kretzschmar, Familiennachlass, Nr. 4/420)
(©Sächsisches Staatsarchiv)

Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der europäischen Massenauswanderung. Millionen von Menschen verließen den Kontinent, um jenseits der Weltmeere ein neues Leben zu beginnen.

Neben den USA, wo sich zwischen 1820 und 1910 allein 5,35 Millionen Deutsche niederließen, besaßen auch andere Staaten wie Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien große Anziehungskraft. Brasilien war nach der Unabhängigkeit von Portugal ein bevölkerungsarmes Land mit enormem Arbeitskräftebedarf. Nach der Abschaffung der Sklaverei mangelte es einerseits auf den Kaffeeplantagen an Arbeitern. Andererseits war besonders der Süden des Landes kaum besiedelt, eine kleinbäuerliche und gewerbliche Mittelschicht fehlte fast gänzlich. So wurde auch Brasilien ein attraktives Ziel für deutsche Auswanderer, von denen sich zwischen 1819 und 1933 ca. 210.000 im größten Flächenland Südamerikas niederließen und in den Südprovinzen zeitweilig ein Drittel der Gesamtbevölkerung stellten.

In einer dieser nahezu geschlossenen deutschen Siedlungen ließ sich 1854 das Ehepaar Ida und Ottokar Dörffel aus Glauchau nieder. Der Jurist und Glauchauer Bürgermeister des Jahres 1849 hatte durch seine Verwicklung in die revolutionären Unruhen dieser Zeit keine Perspektive mehr in der sächsischen Heimat gesehen und war mit seiner Frau in die erst wenige Jahre zuvor entstandene Siedlung Dona Francisca ausgewandert. Der gestandene Politiker begann dort wie die meisten Einwanderer mit der Erschließung des Geländes, mit Landwirtschaft und Viehhaltung. Recht schnell überwogen bei ihm aber wieder politisches Engagement und Tätigkeit in der Verwaltung, dessen Höhepunkte die Wahl zum Bürgermeister des Ortes und die Ernennung zum dortigen Konsul des Deutschen Reiches in den 1870er-Jahren waren. Er gründete eine eigene Buchdruckerei, gab die »Kolonie-Zeitung« als erste deutsche Zeitung Südbrasiliens heraus und verfasste Broschüren zur Einwandererwerbung. Ottokar Dörffel gilt bis heute als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Siedlung im 19. Jahrhundert.

Auch wenn das Ehepaar Dörffel die alte Heimat nie wiedersah, hielten beide Zeit ihres Lebens Kontakt nach Sachsen. Der im Sächsischen Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz verwahrte Familiennachlass Dörffel – Kretzschmar (Bestand 32875) enthält u. a. eine Serie von ca. 90 Auswandererbriefen verteilt über einen Zeitraum von ca. 50 Jahren. Die in den sehr umfangreichen Briefen berührten Themen sind so vielfältig wie der Alltag des Ehepaars in Brasilien. Beschrieben werden die häuslichen Verhältnisse – Pflanzungen, Viehzucht, Milchwirtschaft, der Aufbau einer Ziegelei, später der Druckerei und der Bau von zwei neuen Wohngebäuden, daneben Klima und Wetter, kulturelles und gesellschaftliches Leben. Eine Notwendigkeit der deutschen Einwanderer zu umfassender Akkulturation oder gar Assimilation in dem von deutschen Strukturen geprägten Ort bestand nicht. Die Briefe stellen in ihrer Materialfülle eine Fundgrube zur Migrationsforschung und zum Kulturtransfer dar und bieten ein plastisches Vergleichsbeispiel zur aktuellen Debatte um die Integration von Flüchtlingen.

Der Bestand 32875 Dörffel - Kretzschmar, Familiennachlass mit einer Laufzeit von 1815 bis 1931 umfasst insgesamt 0,59 lfm und ist über eine Datenbank voll erschlossen

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