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Kolloquium »Der Wiener Kongress 1815 und die Folgen für Sachsen«

27.04.2015

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Vortrag während des Kolloquiums
(©Sächsisches Staatsarchiv / Foto: Hans-Jürgen Voigt)

Das vom Staatsarchiv Leipzig am 22. April 2015 veranstaltete Fachkolloquium »Der Wiener Kongress 1815 und die Folgen für Sachsen« fand eine sehr große Resonanz. Mehr als 80 Teilnehmer – Historiker, Archivare, Heimatforscher und Geografen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – folgten der Einladung zu dieser Fachveranstaltung.

In ihrer herzlichen Begrüßung verwies die Direktorin des Sächsischen Staatsarchivs Dr. Andrea Wettmann auf die Tradition der adelsgeschichtlichen Kolloquia. Wesentlich für die Erforschung der Thematik ist die zeitgemäße Erschließung der Archivquellen, dazu zählen zahlreiche von der Teilung Sachsens betroffene Rittergutsbestände. In acht Vorträgen gaben ausgewiesene Historiker und Archivare aus Sachsen und Sachsen-Anhalt einen facettenreichen Überblick über die Hintergründe und Folgen des Friedensvertrags der europäischen Mächte vor 200 Jahren. Dabei standen das zwischen Dialog und Rivalität schwankende nachbarschaftliche Verhältnis Preußens und Sachsens seit dem 17. Jahrhundert ebenso im Fokus wie die »sächsische Frage« auf dem Wiener Kongress. Sie führte letztlich durch die Interessenpolitik Österreichs mit Unterstützung Englands und Frankreichs wenigstens zum Fortbestand Sachsens als souveränes Königreich im Deutschen Bund. Besonders der Verbleib Leipzigs bei Sachsen war lange strittig und konnte erst kurz vor Vertragsschluss entschieden werden, als Russland zugunsten Preußens auf das zwar strategisch bedeutsame, aber kleinere Thorn/Toruń an der Weichsel verzichtete.

Bei den verschiedenen Varianten und Vorschlägen einer neuen Grenzziehung zwischen Preußen und Sachsen waren am Ende weniger Verwaltungs- oder natürliche Grenzen entscheidend, sondern für die Siegermacht Preußen eher die zugewonnenen Einwohner als Steuerzahler. Nicht zuletzt deshalb gestalteten sich die Verhandlungen um den endgültigen Verlauf der neuen Staatsgrenze auch mangels eindeutiger Festlegungen im Vertragswerk für die Grenzziehungskommissionen äußerst langwierig, waren konfliktgeladen und führten zu einem wiederholten Wechsel von Territorien und Ortschaften im Grenzgebiet bis ins Jahr 1818. Die Bevölkerung selbst und insbesondere die sächsischen Eliten sahen die großen Gebietsabtretungen mit gemischten Gefühlen. So boten denn auch die exemplarisch vorgestellten Zeugnisse aus Briefen und Tagebüchern des sächsischen Adels ein zwiespältiges Bild vom fanatischen königstreuen Sachsen bis zum Preußensympathisanten. Was geschah mit den weit vom Kernland Sachsen entfernten thüringischen Besitzungen Henneberg-Schleusingen? Wie lief hier der Wechsel zu Preußen ab? Welchen Wandel erfuhren die in der Grenzregion gelegenen und nicht selten geteilten Rittergüter und ihre Bewohner in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht? Welche Konsequenzen hatte die Landesteilung für die nun teilweise getrennten Ämter des Merseburger Domkapitels? Diesen und ähnlichen Fragen gingen weitere Referenten der Tagung nach und konnten aufgrund neuer Quellenforschungen auf bislang weitgehend unbekannte Fakten, Entwicklungen und Zusammenhänge verweisen.

Schließlich wurde im letzten Beitrag der nicht nur für die betroffenen Archive in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, sondern auch für Historiker und sonstige Archivnutzer interessanten Frage nachgegangen, wie sich die Aufteilung der Archive und Registraturen zwischen Sachsen und Preußen nach den Bestimmungen des Friedensvertrages vom 18. Mai 1815 in der Praxis vollzog.

Großes Interesse bei den Besuchern der Veranstaltung fanden die erstmals gezeigten fünf Übersichtskarten zu den Grenzveränderungen des Königreichs Sachsen zwischen 1807 und 1815, die in Kooperation mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden entstanden. Diese Karten visualisieren die Teilungsvorschläge zwischen Dezember 1814 und Februar 1815. Die Tagungsbeiträge sowie die neu erarbeitete Übersichtskarte zu den sächsischen Grenzen werden in einem Tagungsband in der Veröffentlichungsreihe des Sächsischen Staatsarchivs noch 2015 veröffentlicht.

Ausgewählte Archivalien zu den Grenzangelegenheiten in Nordwestsachsen zeigt das Staatsarchiv Leipzig bis 2. Juli 2015 in einer Kabinettausstellung im Rahmen der Öffnungszeiten.

Bild: Große Resonanz zum Kolloquium

Große Resonanz zum Kolloquium 
(©Sächsisches Staatsarchiv / Foto: Hans-Jürgen Voigt)

Beiträge des Kolloquiums:

  • Winfried Müller: Dialog und Rivalität. Sachsen und Preußen vom Ende des Alten Reiches bis zum Wiener Kongress
  • Matthias Donath: Wie Sachsen geteilt wurde. Der Wiener Kongress 1815 und die »sächsische Frage«
  • Josef Matzerath: ’Es ist jetzt eine fatale Zeit’. Die Wahrnehmung der Landesteilung aus der Sicht des sächsi­schen Adels
  • Jörg Brückner: ’Daß bald auch uns die beßre Zeit erblühe’ – Umbruch und Neuordnung in der Grafschaft Henneberg
  • Volker Jäger: Trennung mit Hindernissen – Die Landesteilung in Nordwestsachsen
  • Jens Kunze: Zerteilte Rittergüter. Die rechtlichen und wirtschaftlichen Folgen der neuen Grenz­ziehung für die betroffenen Herrschaften
  • Markus Cottin: Der Besitz des Merseburger Domkapitels im Leipziger Land und die Teilung von 1815
  • Eckhart Leisering: Die Sonderung der Archive zwischen Sachsen und Preußen nach den Bestimmungen des Friedensvertrags vom 18. Mai 1815


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