Hauptinhalt

Beständeübersicht

Bestand

20067 Königliches Gericht Kohren

Datierung1811 - 1856
Benutzung im Staatsarchiv Leipzig
Umfang (nur lfm)5,50

Die Entstehung des Königlichen Gerichtes Kohren demonstriert in wohl einzigartiger Weise, wie durch die Initiative eines reformfreudigen Patrimonialherren der Umgestaltungsprozess der Untergerichte in Sachsen gefördert wurde.

Bei der Mehrheit der Gutsherren stießen die Reformpläne der Staatsregierung in den 30er Jahren des 19. Jh. auf Widerstand.[01]

Der Rittergutsbesitzer auf Sahlis und Rüdigsdorf, Dr. Heinrich Wilhelm Leberecht Crusius (1790 - 1858), stellt in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung jener Zeit dar. Auf seinen beiden Mustergütern förderte er den wissenschaftlichen Fortschritt in der Landwirtschaft, erlangte Bedeutung durch seine Tätigkeit in der Leipziger Ökonomischen Sozietät, an deren Spitze er 27 Jahre lang stand und tat sich als Begründer der ersten landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Leipzig-Möckern sowie als Mitbegründer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn hervor.[02] Crusius gilt als erster Patrimonialherr Sachsens, der die Eigengerichtsbarkeit freiwillig an den Staat abtrat.[03] In der 56. öffentlichen Sitzung der Ersten Kammer im Jahre 1833 äußerte er bezüglich des Gesetzesentwurfes über die Abgabe der Patrimonialgerichtsbarkeit, er wolle nicht länger Inhaber eines Rechtes sein, welches vom Volke und nunmehr auch von der Regierung seiner Autorität beraubt werde.[04] Dem Justizministerium teilte Crusius in einem Schreiben mit, dass "eine durchgreifende Verbesserung der Justizpflege nur dann vollkommen möglich werde, wenn die Gerichtsbarkeit als ein unmittelbarer Ausfluss der höchsten Staatsgewalt erscheinen kann".[05]

Als Konsequenz aus diesen Erkenntnissen leistete Heinrich Wilhelm Leberecht Crusius Verzicht auf die ihm bislang zustehende Patrimonialgerichtsbarkeit seiner Rittergüter Sahlis und Rüdigsdorf. Er trat auch die Gerichtsbarkeit über die zu diesen beiden Gütern gehörigen Ortschaften und Fluren sowie die lehnsherrliche Gerechtsame an den Staat ab, mit Vorbehalt jedoch der Patronatsrechte über Kirchen und Schulen.[06] Das Justizministerium brauchte noch einige Zeit, um auf den Vorstoß des Reformers zu reagieren. Schließlich, am 1. Oktober 1834, wurde die Gerichtsbarkeit der beiden Güter Sahlis und Rüdigsdorf auf den Staat übernommen. Diese sollte interimistisch durch ein eigenes Königliches Gericht verwaltet werden, welches seinen Sitz in der im Gerichtsbezirk des Gutes Sahlis liegenden Stadt Kohren bekam.[07]

Zur Eröffnung des neuen Königlichen Gerichts hatte Crusius ebenfalls alles bereitgestellt:

Er bot nicht nur sämtliche Gerichts- und Archivlokalitäten sowie die Fronfeste in Sahlis zur weiteren Nutzung an, sondern brachte auch seinen bisherigen Patrimonialgerichtsverwalter, Advokat Carl Amadeus Schmelz, in die Position des Justitiars für das neue Gericht.

Die Einweisung des Gerichtspersonals am 1. Oktober 1834 fand jedoch in der Gerichtsexpedition in Kohren statt.[08] Dem Justitiar, der zugleich als Sportelkontrolleur fungieren sollte, standen ein Vize-Aktuar (Eduard August Hecht), ein Kopist und Sporteleinnehmer (Johann Gottfried Hiller) sowie ein Gerichtsfron zur Seite.[09] Der Justitiar Carl Amadeus Schmelz musste allerdings zwei Jahre später vom Dienst suspendiert werden, da er seinen Amtsaufgaben nicht gerecht wurde. (Vgl. dazu Anlage 1)

Die Gerichts- und Archivlokalitäten sollten einstweilen in einem Privathaus in der Stadt Kohren untergebracht werden. Trotzdem nutzte man noch lange Zeit die von Crusius angebotenen Gebäude und die Fronfeste in Sahlis.[10]

In den Jahren 1851 - 1853 waren vier weitere Abgaben von Patrimonialgerichtsbarkeiten an das Königliche Gericht Kohren zu verzeichnen. (Vgl. Anlage 2) Dieses Gericht wurde im Juni 1856 aufgelöst, seine juristischen Befugnisse gingen an die Königlichen Gerichte Frohburg und Penig über.[11]

Der Bestand Königliches Gericht Kohren besitzt einen vergleichsweise stattlichen Umfang von weit über 200 Akten. 1962 gelangte der größte Teil der Akten im Rahmen der Abgabegemeinschaft "AG Rochlitz" in einem Umfang von 140 lfm aus dem damaligen Landeshauptarchiv Dresden (Sächsisches Hauptstaatsarchiv, StA-D) in das Landesarchiv Leipzig (heute: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, StA-L). Die gleiche Stelle gab 1963 nochmals Gerichtsprotokolle von 22 Amtsgerichten ab, darunter auch Rochlitzer Bände. Aus dem Landesarchiv Altenburg gingen 1963 23 Akten mit der Sammelbezeichnung "Königliches Gericht Kohren, Amt Pegau, Gutsarchiv Sahlis" an das hiesige Landesarchiv über.[12]

Die Konstituierung der Bestandsgruppe Königliche Gerichte und damit auch des Bestandes Königliches Gericht Kohren begann im StA-L im Rahmen der Erschließung des Justizschriftgutes des 19. Jh. in den 60er Jahren. Dieser wurde zunächst mit Hilfe einer Findkartei zugänglich gemacht. Eine gründliche Prüfung und weitere Differenzierung des Bestandes, der ca. 5 lfm umfasst, wurde Ende der 90er Jahre vorgenommen. Dabei erfolgte die Herauslösung weiterer Akten aus den Beständen der Patrimonialgerichte Sahlis mit Rüdigsdorf und Wolftitz.

Die Verzeichnung der Akten für das vorliegende Findbuch erfolgte mit dem Programm AUGIAS für Windows, mit dem auch das Orts- und Personenregister erstellt wurde.

Der Bestand Königliches Gericht Kohren wird von den Protokollbänden dominiert, davon sind die meisten der Gruppe Kauf-, Konsens- und Quittungsprotokolle zuzuordnen. Es liegen aber auch Handels-, Kauf- und Konsensbücher vor. Weiterhin sind in geringerem Umfang Gerichtsprotokolle, Grund- und Hypothekenprotokolle sowie Testamentsprotokolle überliefert. Die Akten zur Freiwilligen Gerichtsbarkeit machen gegenüber den Zivilprozessen - Strafgerichtsakten fehlen völlig - den weitaus größeren Teil aus. Hervorzuheben sind die Akten über Grundstücksangelegenheiten, Grundbuch- und Hypothekensachen sowie Ablösungen. Etliche Akten der Klassifikationsgruppe Handel, Gewerbe und Bergbau demonstrieren die Ausbreitung wirtschaftlicher Tätigkeit in der Region; es handelt sich zumeist um Konzessionsgesuche zur Ausübung verschiedener Gewerbe. Dazu kommt eine rege Bautätigkeit sowie die Anlegung bzw. Instandsetzung von Wegen, Straßen und Wasserläufen. Aus 2 Akten ist ein Reagieren der Gemeinden auf die revolutionären Ereignisse von 1848/49 ersichtlich.

Als korrespondierende Bestände im Staatsarchiv Leipzig können die Gerichtsämter Frohburg und Rochlitz herangezogen werden. Außerdem stellen die Patrimonialgerichtsakten für Sahlis und Rüdigsdorf eine wichtige Ergänzung dar.

Für die gesamte Bestandsgruppe Königliche Gerichte ist eine übergreifende Findbucheinleitung erarbeitet worden[13] , so dass hier in verkürzter Form auf den konkreten Bestand eingegangen werden konnte. Dem Zwecke übergreifender Recherchen dient die ebenfalls für die gesamte Bestandsgruppe erarbeitete Klassifikation, die diesem Findbuch zugrundeliegt. Da einige Klassifikationsgruppen nicht belegt sind, erscheint in Klammern der Vermerk "entfällt".

Die Bildung der Bandreihen wurde in mehreren Fällen, der Chronologie folgend, neu vorgenommen. Bei der Reihung von Protokollbänden stehen solche, die allgemeinen bzw. übergreifenden Charakter tragen, am Anfang, dann folgen - alphabetisch geordnet - die Protokolle für die einzelnen Orte. Um inhaltliche Zusammenhänge zu verdeutlichen, wurden Verweise auf Akten in anderen Beständen vorgenommen.

Anlage 1
Personalbestand des Königlichen Gerichtes Kohren von 1834 bis 1856Justitiare:

- Carl Amadeus Schmelz (1834 - 1836) suspendiert

- Eduard August Hecht (1836 - 1837) interimistisch eingesetzt

- Carl Heinrich Pietsch (1837 - 1841)

- Friedrich Wilhelm Raabe (1841 - 1843)

- Karl Wilhelm Gangloff (1843 - 1851)

- Karl Friedrich Josef Stachel (1851 - 1853)

- Carl Friedrich Traugott Siegert (1853 - 1856)



Vize-Aktuare:

- Eduard August Hecht

- Otto Gottlieb Huth



Kopist und Sporteleinnehmer:

Johann Gottfried Hiller

ca. 1848 Trennung der Ämter

Sporteleinnehmer:

Johann Gottfried Hiller



Kopist:

Johann Christian Mart



Außerdem gab es noch einen Gerichtsfron.





Anlage 2
Abgabe von Patrimonialgerichtsbarkeiten an das Königliche Gericht Kohren
OrtGerichtsherrschaftJahrMonatTag
Rüdigsdorf

Rittergut

1834

10

01

Sahlis

Rittergut

1834

10

01

Wolkenburg

Rittergut

1851

11

28

Ossa

Mannlehngut

1853

08

20

Wolftitz

Mannlehngut

1853

08

23

Langenleuba-Niederhain

Rittergut

1853

11

29



[01] Vgl. P. Körner, Der Kampf um die Aufhebung der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit im Königreich Sachsen bis zum Revolutionsjahr 1848, Bückeburg 1935.
[02] Helga Reich, Dokumentenausstellung zur Geschichte des Kohrener Landes, in: Archivmitteilungen, XXV. Jg. 1975, Nr. 1, S. 36 f.
[03] Heinz Reich, Die Arbeiterklasse und eine Tausendjährige. Zum Jubiläum von Kohren-Sahlis, in: Sächsische Heimatblätter, 20. Jg. 1974, Nr. 1, S. 22.
[04] Außerordentliche Beilage zur LZ, 08.06.1833, S. 579.
[05] StA-L, RG Sahlis-Rüdigsdorf, 1864, 22.07.1833.
[06] LZ, 09.10.1834, S. 2638; LZ, 24.10.1834, S. 2786.
[07] LZ, 01.09.1834, S. 2241.
[08] StA-L, Kgl. Ger. Kohren 59.
[09] Staatshandbuch für das Königreich Sachsen, Dresden 1837 ff.
[10] StA-L, Kgl. Ger. Kohren 59.
[11] LZ, 01.07.1856, S. 3703.
[12] Vgl. StA-L, Verwaltungsarchiv, Zu- und Abgangsbuch 1954 - 1975, Nr. 187.
[13] Vgl. V. Jäger, Findbucheinleitung zur Bestandsgruppe Königliche Gerichte, 1998.

Gerichtsverwaltung.- Gerichtsprotokolle.- Zivilgerichtsbarkeit.- Freiwillige Gerichtsbarkeit (nur Grundstücks- und Hypothekenangelegenheiten).- Lokalverwaltung.
Bereits im Jahre 1834 traten die Rittergüter Sahlis und Rüdigsdorf die ihnen zustehende Patrimonialgerichtsbarkeit sowie die lehnsherrlichen Gerechtsame an den Staat ab. Zur Verwaltung dieser Gerichtsbarkeiten wurde das Königliche Gericht Kohren gegründet und am 1. Oktober 1834 eröffnet. Dieses Gericht übernahm weitere Patrimonialgerichtsbarkeiten: 1851 die des Ritterguts Wolkenburg und 1853 die der Rittergüter Langenleuba-Niederhain, Ossa und Wolftitz. Am 27. Juni 1856 wurde das Königliche Gericht Kohren aufgelöst. Seine Befugnisse gingen an die Königlichen Gerichte Frohburg und Penig über.
Weitere Angaben siehe 2.3.4.2.3 Königliche Gerichte.
  • 1999 | Findbuch / Datenbank
  • 2020-12-17 | Diese Ausgabe über AWAX 2.0.1.1
Sitemap-XML zurück zum Seitenanfang