Hauptinhalt

Beständeübersicht

Bestand

20940 VEB Leipziger Baumwollspinnerei

Datierung1948 - 1994
Benutzung im Staatsarchiv Leipzig
Umfang (nur lfm)20,41
Geschichte des VEB Leipziger Baumwollspinnerei

Der ehemalige VEB Leipziger Baumwollspinnerei kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Die Baumwollspinnerei Leipzig am Karl-Heine-Kanal im Leipziger Westen wurde 1884 gegründet. In kurzer Zeit expandierte der Betrieb und umfasste schließlich ein Gebiet von mehr als 100.000 Quadratmetern.
Nach kurzer amerikanischer Verwaltung begann ab dem 1. Juli 1945 die sowjetische Besatzungszeit in Leipzig. Der Betrieb wurde ab Sommer 1945 treuhänderisch von der Landesverwaltung geführt und am 30. Juni 1946 verstaatlicht. Ab dem 21. März 1946 wurden ca. 50% des Maschinenparks als Reparationsleistung an die Sowjetunion geliefert. 1947 erfolgte die Umbenennung in VEB Leipziger Baumwollspinnerei. Der bisherige Treuhänder Ludwig Hesse wurde bis 1948 Betriebsdirektor. 1951 wurde der Betrieb als VEB Baumwollspinnerei in das Handelsregister C, Nr. 102, eingetragen. Die Löschung des Altbetriebes im Handelsregister war schon 1948 mit dem Zusatz erfolgt, dass die Enteignung 1946 stattgefunden habe. Am 1. Februar 1949 wurde die Betriebsberufsschule "Otto Hobusch" gegründet.[01]
Von Oktober 1948 bis 1951 gehörte der Betrieb zur VVB Baumwollspinnereien in Chemnitz. In der Folgezeit änderten sich die Unterstellungen mehrfach: ab 2. Halbjahr 1951 Ministerium für Leichtindustrie (MfL) Hauptverwaltung Textil Berlin, ab 1956 MfL VVB Industriezweigleitung Baumwolle Karl-Marx-Stadt, ab 1958 MfL Hauptverwaltung Baumwolle/Deko Karl-Marx-Stadt sowie ab 1959 VVB Baumwolle Karl-Marx-Stadt.[02]
Am 1. Januar 1964 wurde die bisher dem VEB Baumwoll- und Vigognespinnereien Karl-Marx-Stadt zugeordnete Baumwollspinnerei in Naunhof dem Leipziger Betrieb als Werk II angegliedert.[03]
1956 waren von den ca. 3900 Beschäftigten 80% weiblich. Bis Anfang der 1960er Jahre wuchs der Betrieb zum größten Frauenbetrieb Leipzigs.[04] Eine Reihe Maßnahmen wurden ergriffen, um die sozialen Bedingungen für die Beschäftigten zu verbessern. Ab 1950 erfolgte die Neuanlage der Werksküche für die über 3000 Beschäftigten sowie Rentner und Kindergartenkinder. Es waren sowohl eine Verkaufsstelle der Handelsorganisation (HO) als auch eine Konsumfiliale vorhanden, es praktizierten ein hauptamtlicher Betriebsarzt und ein hauptamtlicher Zahnarzt.[05]
1948 wurde die Werksbibliothek mit 800 Bänden eröffnet; 1953 war der Bestand schon auf 2500 Bände angewachsen. Ein Festsaal für 1200 Personen für Kulturveranstaltungen, Konzerte, Modenschauen war ebenfalls vorhanden.[06]
Ziel der Produktion des VEB war die Verarbeitung von Rohbaumwolle zum fertigen Baumwollgarn. Die Rohstoffe wurden vor allem aus der Sowjetunion geliefert. Die Produktionsschwerpunkte waren Trikotagen- und Webgarne, Baumwollgarne für die Auto- und Fahrradreifenherstellung und Baumwollgewebe für die Förderbänderproduktion. Produziert wurde hauptsächlich für osteuropäische Staaten, aber auch für den Weltmarkt. In den 1980er Jahren nahm der Konkurrenzdruck vor allem durch Firmen in Asien zu. Es gelang nicht, die Effektivität zu steigern. Zunehmend wurde die Produktion durch mangelhafte Rohstoffe behindert.
Ende der 1970er Jahre begann der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte, in der Spinnerei waren zuletzt ca. 25% der Arbeitskräfte aus Mosambik, Angola und anderen afrikanischen Staaten beschäftigt.[07]
Harte Arbeitsbedingungen, wie Temperaturen teilweise bis 45 Grad, der Lärm der Maschinen, Dreck, Baumwollflusen waren an der Tagesordnung. Der VEB hatte deshalb ständig mit einer hohen Personalfluktuation zu kämpfen, da er ein schlechtes Image der Öffentlichkeit hatte. Ende 1989 hatte der Betrieb aufgrund der o. g. Produktionsprobleme nur noch 1600 Beschäftigte. 1990 wurde er von der Treuhandanstalt übernommen. Auf Grund des Wegbrechens des Marktes in Osteuropa kann der Betrieb in die Krise. Am 31. Januar 1993 wurde die Produktion eingestellt und der Betrieb geschlossen.[08] Der Betriebsteil Werk Naunhof war bereits am 31. Dezember 1991 liquidiert worden.
Am 31.8.1993 erfolgte der Verkauf durch die Treuhand an einen westdeutschen Investor. Schwerpunkt lag dann auf der Vermietung der Immobilie an Kleingewerbe. Von der ehemaligen Produktion existierte nur noch der Kordbereich unter Führung des ehemaligen letzten Betriebsdirektors Haupt weiter.[09] Diese Produktion wurde noch bis zum Jahr 2000 mit ca. 40 Beschäftigten fortgesetzt.
In den frühen 1990er Jahren begann eine neue Nutzungsphase des Geländes. Die leerstehenden Räume wurden für alternative Projekte genutzt und erste Künstlerateliers entstanden. In den Folgejahren wurden Architekturbüros, Werkstätten und Ausstellungsräume eingerichtet. 2001 konnte ein Künstlerkonsortium das Areal vom Kölner Vorbesitzer erwerben. Im Jahr 2003 konnte für die Halle 9 ein Mieter gewonnen werden. In den Folgejahren wurden die Hallen 3 bis 6 saniert.[10] Nach und nach siedelten sich weitere Galerien und Kunsthändler an, heute (2016) ist "spinnerei. From cotton to culture" eine "Marke" im internationalen Kunstbetrieb.[11]

Bestandsgeschichte und -bearbeitung

Die Übernahmen des VEB-Schriftguts in das Staatsarchiv Leipzig erfolgten in größeren Abständen. 1983 wurden Akten aus den Jahren von 1945 bis 1978 mit den Schwerpunkten Produktion, Planung, Betriebskollektivverträge und Zusammenarbeit mit wirtschaftsleitenden Organen übernommen. Personalunterlagen, Schriftgut zur Betriebsschule und zu sozialen Themen wurden 1991 übergeben. Zuletzt erfolgte 2008 die Übergabe von Unterlagen des Betriebsrates bis 1993. Die knappe Hälfte des Bestandes war durch eine Findkartei zugänglich, die später in das Archivinformationssystem AUGIAS-Archiv übertragen worden war. Unterlagen im Umfang von 12,60 lfm waren nicht erschlossen.
Im Rahmen der 2015 erfolgten Erschließung wurden die Unterlagen auf ihre Provenienz geprüft, geordnet und verzeichnet. Die vor der Erschließung im Bestand enthaltenen Akten aus der Zeit vor 1948 wurden dem Bestand 20927 Leipziger Baumwollspinnerei angegliedert. Vereinzelt sind Akten enthalten, die vor 1948 entstanden sind, aber nach 1948 weitergeführt und daher dem VEB-Bestand zugeordnet wurden. Bei der Verzeichnung wurden Akten mit zusammengehörigen Inhalten zu Bänden zusammengefasst. Gängige oder häufig wiederkehrende Abkürzungen wie DDR, SED oder BGL wurden auch in den Verzeichnungsangaben beibehalten.
Vor Beginn der Bearbeitung belief sich der Umfang der Überlieferung auf 24,5 lfm. Nach Abschluss der Erschließung verblieben 20,3 lfm. Kassiert wurden v. a. Duplikate von Schriftstücken, Tages- und Wochenpläne, Kassenquittungen.

Überlieferungsschwerpunkte

Einen großen Teil der Überlieferung nehmen die Personalakten ein, die auch Angaben zu den ausländischen Beschäftigten enthalten. Weiterhin liegt eine umfassende Überlieferung zur Planung der Produktion und zu Beratungen auf Leitungsebene sowie zur sozialen Situation der Beschäftigten vor.
Die Aktenüberlieferung liegt relativ kontinuierlich für die 1950er bis 1970er Jahre vor. Für die 1980er Jahre bis zum Ende des Betriebes ist die Überlieferung lückenhafter. Für die Zeit ab 1990 sind kaum Akten überliefert. Über die Abwicklung des Betriebes geben leider nur die Akten des Betriebsrates Auskunft.

Hinweise für die Benutzung

Der Bestand ist gemäß dem Sächsischen Archivgesetz (SächsArchivG), rechtsbereinigt mit Stand vom 1. Februar 2014 benutzbar. Gemäß § 10 SächsArchivG sind personenbezogene Archivalien für die Benutzung gesperrt.

Korrespondierende Bestände

Die Überlieferung des Vorgängerbetriebes bildet den Bestand 20927 Leipziger Baumwollspinnerei. Beide Bestände gliedern sich in die umfangreiche Überlieferung von Spinnereibetrieben im Staatsarchiv Leipzig ein.
Gegenwärtig befinden sich in den Räumlichkeiten der Verwaltungsgesellschaft mbH der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei noch ca. 70 bis 80 Brigadetagebücher aus den Jahren von 1948 bis 1989. Weiterhin lagern dort Abschriften von Chroniken zur Betriebsgeschichte aus den 1950er Jahren.

Literatur

Schüle, Annegret, "Die Spinne" – Erfahrungsberichte weiblicher Industriearbeit, Leipzig 2001

Hans-Jürgen Voigt
März 2016


[01] Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig (StA-L), 20940 VEB Leipziger Baumwollspinnerei, Nr. 757, Betriebschronik von Gustav Beck, 1953, Bl. 159.
[02] Vgl. Bestandsakte für Bestand 20940 VEB Leipziger Baumwollspinnerei in der Dienstregistratur des StA-L.
[03] Vgl. ebenda.
[04] Vgl. www.spinnerei.de (aufgerufen 06.04.2016).
[05] Vgl. ebenda, Bl. 181ff.
[06] Vgl. ebenda, Bl. 158, 178ff.
[07] Vgl. Schüle, Annegret, "Die Spinne" – Erfahrungsberichte weiblicher Industriearbeit im VEB Leipziger Baumwollspinnerei, Leipzig 2001, S. 283
[08] Die gelungene Wiederbelebung des Industriestandortes erfährt immer wieder Aufmerksamkeit, vgl. zur Betriebsgeschichte www.mdr.de/damals/archiv/artikel97022.html (aufgerufen 06.04.2016).
[09] StA-L, 20024 Amtsgericht Leipzig, HRB 1577 (digitalisierte Registerkarte zu dem 1990 eingetragenen Betrieb Leipziger Baumwollspinnerei GmbH). Vgl. Schüle, Annegret, "Die Spinne", wie Anm. 7, S. 74.
[10] Vgl. www.spinnerei.de (aufgerufen 06.04.2016).
[11] www.spinnerei.de/from-cotton-to-culture.html (aufgerufen 06.04.2016).
Leitung.- Arbeit und Soziales.- Personal.- Planung.- Finanzen.- Produktion.- Absatz und Werbung.
Der VEB entstand 1947 als Nachfolgebetrieb der Leipziger Baumwollspinnerei AG. Er unterstand zunächst der Industrieverwaltung Baumwollspinnereien und Zwirnereien und ab 1948 der VVB Baumwollspinnereie (Z), beide Chemnitz. Ab 1971 gehörte er zum VEB Vereinigte Baumwollspinnereien und Zwirnereien Flöha. 1990 erfolgte die Privatisierung als Baumwollspinnerei GmbH Leipzig.
  • 2016 | Findbuch / Datenbank
  • 2019-10-04 | Diese Ausgabe über AWAX 2.0.0.9
Sitemap-XML zurück zum Seitenanfang