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Beständeübersicht

Bestand

20050 Kinderheim Sonnenwiese, Kohren-Sahlis

Datierung1938 - 1950
Benutzung im Staatsarchiv Leipzig
Umfang (nur lfm)0,10
Geschichte des Registraturbildners[01]

Das Alten- und Pflegeheim Kohren-Sahlis wurde 1939 vom Landkreis Borna als Ausweichquartier für das Bezirksheim Borna erbaut, welches dem Braunkohletagebau weichen musste. Nach kriegsbedingten Verzögerungen des Baus konnte am 8./9. Juli 1941 der reguläre Heimbetrieb mit dem Umzug von 87 Bewohnern beginnen; 40 weitere Bewohner des alten Bezirksheims Borna waren bereits vorab im Zuge der "Aktion T4" in die Landesheil- und Pflegeanstalt Anstalt Arnsdorf überführt worden.

Am 24. Oktober 1941, nur drei Monate nach der Eröffnung, wurde das Alters- und Pflegeheim vom Verein Lebensborn e. V. in München für 1 Mio. RM gekauft.[02]

Der Verein, 1936 auf Veranlassung des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, gegründet und von diesem persönlich geführt, sah seine Aufgaben vor allem auf bevölkerungspolitischem Gebiet. Er unterstützte aus nationalsozialistischer Sicht rassisch und erbbiologisch wertvolle Familien und werdende Mütter durch Aufnahme in die eigens eingerichteten Entbindungsheime. Da viele der Mütter ihre Kinder nicht zu sich nehmen konnten, verblieben diese meist längere Zeit in den Heimen. Bereits 1940 waren die Heime entsprechend überfüllt; die Sterblichkeitsrate stieg. Auf Befehl Himmlers wurde deshalb ab Januar 1941 mit der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für die Eröffnung eines eigenen Kinderheimes für den Lebensborn begonnen. Mit dem Kauf des Alters- und Pflegeheimes Kohren-Sahlis waren diese gefunden.

Die rund 80 verbliebenen Bewohner des Alters- und Pflegeheimes wurden Ende Oktober/Anfang November 1941 in die Altersheime Technitz und Thekla verlegt, sodass bereits Ende November 1941 ein Transport mit Säuglingen aus dem Lebensborn-Heim "Taunus" in Wiesbaden in das nunmehrige Kinderheim "Sonnenwiese" aufgenommen werden konnte. Die offizielle Eröffnung fand allerdings erst ein Jahr später, im November 1942, statt, da noch Baumaßnahmen vorgenommen werden mussten. Die Kapazität des Kinderheimes belief sich auf 165 bis 170 Plätze; die durchschnittliche Belegung lag bei 130 Kindern, deren Mehrzahl unter drei Jahre alt war.

Die Heimleitung hatten der Verwalter Ullrich, die Heimärztin Dr. Feith und die SS-Oberschwester Wittmann inne. Das zunächst aus ca. zehn Personen bestehende Pflegepersonal wurde kontinuierlich aufgestockt, vor allem durch Lernschwestern, Schwesternvorschülerinnen sowie Wirtschafts- und Hausgehilfinnen. Die gesamten Kosten des Kinderheims trug der Lebensborn e. V.[03]

Das Kinderheim Sonnenwiese fungierte zudem als Zwischenstation bei der Eindeutschung ausländischer Kinder. Diese kamen aus Polen und Jugoslawien, vor allem aber aus Norwegen, und waren etwa ein bis zwei Jahre alt. In Kohren-Sahlis verblieben sie bis zur Vermittlung durch die Lebensborn-Zentrale in Pflegestellen, was bis zu zwei Jahre dauern konnte.

Die ersten Transporte norwegischer Kinder trafen ab Februar 1943 in Kohren-Sahlis ein; insgesamt wurden bis Ende 1944 ca. 150 norwegische Kinder hier untergebracht. Sie waren zumeist unehelich geboren, die Mütter Norwegerinnen und die Väter deutsche Besatzungsangehörige. Sie galten damit aus nationalsozialistischer Sicht als rassisch besonders wertvoll. Viele dieser Mütter gaben ihre Kinder zur Adoption frei.

Vermutlich wegen Überfüllung mussten im Frühjahr 1944 alle norwegischen Kinder über drei Jahre aus dem Kinderheim Sonnenwiese in das Kinderheim "Blütenau" bei Mogilno im Warthegau verlegt werden. Weitere 20 Kinder kamen 1945 in das Lebensborn-Heim "Hochland" in Steinhöring.

Mit dem Einzug der amerikanischen Truppen erfolgte im April 1945 die Sperrung des Kinderheims Sonnenwiese für alle Neuaufnahmen. Eine Weiterführung als Kinderheim unter anderer Trägerschaft kam wegen Unrentabilität nicht in Frage. Die bis zu diesem Zeitpunkt dort verbliebenen Kinder sollten den Angehörigen zugeführt werden. Wo dies nicht möglich war, war die Vermittlung in Pflegestellen vorgesehen.[04] Mitte August 1945 befanden sich noch 38 Kinder, überwiegend Norweger, im Heim. Sie wurden erst in den Folgemonaten vermittelt.

Zum 1. August 1945 wurde das Heim wieder dem Landkreis Borna als Alten- und Pflegeheim übergeben. Im Gebäude befand sich spätestens ab 1946 zudem eine als Krankenhaus fungierende Station für Lungenkranke.[05]


Bestandsgeschichte und -bearbeitung

Der Bestand gelangte in den 1960er Jahren in das Staatsarchiv Leipzig. Erst 1989 wurde er geordnet und in einem maschinenschriftlichen Findbuch verzeichnet.

Dabei wurde eine Bestands- und Aktenbildung vorgenommen, die auch einzelne Schriftstücke und Vorgänge der Vorgänger und Nachfolger einbezog. Somit entstanden unter der Bestandbezeichnung "Kinderheim Sonnenwiese, Kohren-Sahlis" acht Akteneinheiten verschiedener Provenienzen, wobei diese zudem die Gliederung bildeten.[06]

2012 wurde das maschinenschriftliche Findbuch im Rahmen eines Praktikums in die Datenbank AUGIAS-Archiv 8.3 überführt. Die frühere Verzeichnung wurde durch Enthält-Vermerke ergänzt, die enthaltenen Namen von Kindern und Personal erfasst und die Gliederung zugunsten einer chronologischen Reihung der Akten aufgelöst. Die Provenienzen finden sich nunmehr als eigene Angabe unter jeder Verzeichnungseinheit.

2016 konnten aus Privatbesitz Digitalisate von Fotos und Dokumenten eines ehemaligen Heimkindes übernommen werden.


Überlieferungsschwerpunkte

Der Bestand umfasst lediglich acht Akten aus dem Zeitraum 1938 bis 1950, die im Alters- und Pflegeheim Kohren-Sahlis, im Kinderheim Sonnenwiese und im Kreiskrankenhaus Kohren-Sahlis entstanden sind.

Inhaltlich handelt es sich vorwiegend um Unterlagen zur Versorgung mit Lebensmitteln, Gebrauchs- und Verbrauchsmitteln sowie personelle Unterlagen.

Hinzu kommt eine Akte mit Fotos und Dokumenten aus Privatbesitz (Nr. 9); die Bildrechte liegen nicht beim Sächsischen Staatsarchiv.

Die eigentliche Registratur des Kinderheimes Sonnenwiese wurde vermutlich kurz vor Einzug der amerikanischen Truppen im April 1945 von der Verwaltung vernichtet, sodass von ihr kaum Unterlagen erhalten sind.

Insbesondere Namenslisten oder gar persönliche Dokumente der Kinder liegen nicht vor; aus den Bedarfsmeldungen lässt sich jedoch zumindest die Anzahl der untergebrachten Kinder erschließen.

Eine Akte beschäftigt sich mit der Auflösung des Kinderheimes, eine weitere mit den Nachforschungen zum Verbleib einzelner norwegischer Kinder. Hier wurden zur einfacheren Recherche die Namen in die Verzeichnung aufgenommen


Hinweise für die Benutzung

Zwei Akten sind nicht online recherchierbar, da sie personenbezogenen Schutzfristen nach § 10 Abs. 1 Satz 2 SächsArchivG unterliegen. Die Vorlage dieser sowie ggf. einiger weniger anderer Akten ist nur nach gesonderter Prüfung im Wege des Antragsverfahrens zur Schutzfristenverkürzung möglich.

Die Akten sind mit einer einzelnen Ausnahme verfilmt. Bei der Bestellung muss deshalb neben der Bestandsbezeichnung und der Archivsignatur auch die Filmsignatur angegeben werden. Die Vorlage der verfilmten Akten erfolgt im Regelfall auf Mikrofilm.


Verweise auf korrespondierende Bestände

Staatsarchiv Leipzig


20025 Amtshauptmannschaft Borna (insb. die Signaturen 2161, 2162, 2532 und 2534)

20043 Gesundheitsamt Borna

20231 Kreistag/Kreisrat Borna (insb. Signatur 758)



Doreen Wustig
Dezember 2016



Quellen und Literatur

Berthold, Will, Lebensborn e. V., München, 1975

Bleuel, Hans Peter, Das saubere Reich. Die verheimlichte Wahrheit. Eros und Sexualität im Dritten Reich, Bergisch-Gladbach, 1979

Borchert, Herta, Entbindungseinrichtungen der NSV, in: NS-Volksdienst 11, 1944

Ehrhardt, Arthur, Lebensborn oder Volkstod, in: Nation Europa 9, 1959

Grunberger, Richard, "Lebensborn". Himmlers Selective Breeding Establishment, in: The Wiener Library Bulletin 16, 1962

Hahn, Susanne und Lilienthal, Georg, Totentanz und Lebensborn, in: Medizinhistorisches Journal Nr. 27, 1992

Hillel, Marz und Clarissa, Henry, Lebensborn e. V. Im Namen der Rasse, Wien/Hamburg, 1975

Kaupen-Haas, Heidrun, Die Bevölkerungsplaner im Sachverständigenrat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik, in: Der Griff nach der Bevölkerung. Aktualität und Kontinuität nazistischer Bevölkerungspolitik, Nördlingen, 1986

Koop, Volker, Dem Führer ein Kind schenken, Böhlau-Verlag, 2007

Lilienthal, Georg, Der "Lebensborn e. V." Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Stuttgart/New York, 1985

Thom, A. und Speer, H. (Hrsg.), Medizin im Faschismus, Berlin, 1983

Thompson, Larry V., Lebensborn and the Eugenics Policy of the Reichsführer SS, in: Central European History 4, 1971

Wenzel, Alfred, Der Verein "Lebensborn e. V.", in: Der Freiwillige. Kameradschaftsblatt der HIAG 3, 1958, und 4, 1959 sowie 5, 1960)

Ziese, Hans Bernhard, "Stadt der werdenden Mütter". Ein Werk der Partei. Ein neuer Gedanke, am Beispiel eines Gaues erläutert, in: Der Hoheitsträger, Jg. 1944, Folge 65




[01] Die im Text enthaltenen Informationen sind dem Artikel "Totentanz und Lebensborn – Zur Geschichte des Alters- und Pflegeheimes in Kohren-Sahlis bei Leipzig (1939 – 1945)" von Susanne Hahn und Georg Lilienthal erschienen in: Medizinhistorisches Journal, 1992, entnommen.
[02] StA-L, 20025 Amtshauptmannschaft Borna, Nr. 2162.
[03] StA-L, 20050 Kinderheim Sonnenwiese, Kohren-Sahlis, Nr. 3, S. 3.
[04] StA-L, 20050 Kinderheim Sonnenwiese, Kohren-Sahlis, Nr. 3, S. 3.
[05] StA-L, 20231 Kreistag/Kreisrat Borna, Nr. 758.
[06] Findbuch zum Bestand 20050 Kinderheim Sonnenwiese Kohren-Sahlis, 1989.
Verwaltung.- Schicksal norwegischer Kinder.
Das Kinderheim Sonnenwiese wurde 1941 als "Lebensborn"-Kinderheim der SS im ehemaligen Alters- und Pflegeheim Kohren-Sahlis eingerichtet und bestand bis zum Kriegsende 1945. Die Auflösung des Heims fand im August 1945 seinen Abschluss.
Der Bestand enthält die Provenienz Alters- und Pflegeheim Kohren-Sahlis.
  • 2016 | Findbuch / Datenbank
  • 2020-12-17 | Diese Ausgabe über AWAX 2.0.1.1
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