28.02.2020

Archivale im Fokus

Fotografie einer Trümmerfrau in Leipzig, 1946 

Zum 100. Geburtstag des Leipziger Fotografen Karl Heinz Mai

Karl Heinz Mai wurde am 28. Februar 1920 in Leipzig geboren. Nach seiner Ausbildung an der Berufsschule für Kaufleute in Leipzig wurde er 1939 zur Wehrmacht eingezogen. 1941 erlitt Karl Heinz Mai eine schwere Verwundung, in deren Folge ihm beide Beine amputiert werden mussten. Nachdem das Wohnhaus seiner Eltern 1943 während eines Bombenangriffs zerstört worden war, siedelte er in das Pfarrhaus von Niederwiesa über und kehrte erst nach Kriegsende in seine Heimatstadt zurück.

Hier begann er zunächst in Eigeninitiative das Leben im vom Krieg zerstörten Leipzig und dessen Umgebung fotografisch zu dokumentieren. Ab Mitte der 1950er Jahre führte er dann auch Aufträge für verschiedene kommunale Institutionen aus und fotografierte außerdem für Zeitungen, Verlage und kirchliche Einrichtungen.

Die häufigsten Motive seiner Fotografien waren die Ruinen der Stadt, deren Abtragung und der Wiederaufbau. Er dokumentierte aber auch den Alltag der Einwohner Leipzigs. Besonders eindringlich wirken seine Porträts von Heimkehrern, Flüchtlingen, sowjetischen Soldaten und Trümmerfrauen. Er fotografierte von seinem Rollstuhl aus, was seinen Aufnahmen eine besondere Perspektive verleiht.

Die hier gezeigte Fotografie aus dem Jahr 1946 zeigt eine Facette der Wiederaufbaumaßnahmen in Leipzig: Die abgebildete Frau steht im Arbeitskittel mitten in den Ruinen der Stadt. Sie gehört zu den sogenannten Trümmerfrauen, deren offizielle Bezeichnung »Hilfsarbeiterinnen im Baugewerbe« war und die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Österreich die Städte von Trümmern befreiten. Ungefähr vier Millionen Wohnungen in Deutschland wurden durch alliierte Luftangriffe zerstört, was mehrere hundert Millionen Kubikmeter Schutt zur Folge hatte. Die Arbeit bestand vor allem im Abriss stehengebliebener Gebäudeteile mit Spitzhacken und anderen Handwerkzeugen. Danach wurden diese Teile vorsichtig weiter zerkleinert, um die Ziegelsteine nicht zu beschädigen, da sie für Reparaturen und Neubauten wiederverwendet werden sollten. Der Schutt wurde von den Frauen unter anderem auf Schubkarren und Pferdewagen abtransportiert; in mehreren deutschen Städten, darunter auch Leipzig, entstanden sogar eigene Eisenbahnlinien für Trümmerbahnen.

Karl Heinz Mai – Zeitzeuge und Dokumentar der Nachkriegszeit – verstarb am 9. Mai 1964 im Alter von nur 44 Jahren. Eine Auswahl seiner Fotografien ist in der jüngst erschienenen Publikation »Reporter auf drei Rädern. Fotografien 1945-1964« im Lehmstedt Verlag, Leipzig, erschienen.

Der Bestand 21810 Nachlass Karl Heinz Mai gelangte um 1986 durch Ankauf in das Staatsarchiv Leipzig und enthält fast 60 Verzeichnungseinheiten mit knapp 1000 Fotografien. Die Rechte liegen bei seinem Sohn, Karl Detlef Mai.

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