26.08.2020

Archivale im Fokus

Titelblatt der Akte über die »Untersuchung der fremdartigen Bestandteile« des Weißeritzwassers 

Untersuchung der fremdartigen Bestandteile des Weißeritzwassers im Jahr 1807

Durch die beginnende Industrialisierung hatte der Steinkohlenbergbau im Revier um den heutigen Freitaler Ortsteil Potschappel am Anfang des 19. Jahrhunderts bereits einen erheblichen Aufschwung genommen. In diesem Zusammenhang ist für das Jahr 1807 ein frühes Beispiel einer Untersuchung von Umweltverschmutzungen überliefert.

Am 10. April 1807 teilte der Dresdner Wasserinspektor Lamar dem Dresdner Stadtrat mit, dass er schon seit einigen Jahren wahrgenommen habe, »daß das Weiseritz-Wasser mit ungewöhnlicher Säure oder Salzen geschwängert sey«. Metallrohre seinen durch das Wasser innerhalb von drei Jahren mehr angegriffen worden als vorher innerhalb von sechs Jahren. Der ehemals grüne Bodensatz des Wassers sei jetzt schwarz. Der Wasserinspektor vermutete den Grund für die Veränderungen zweifellos zu Recht in neuen Wasserkünsten für den Steinkohlenbergbau um Potschappel, die aus den Steinkohlenbergwerken abgeleitete Grubenwässer in die Weißeritz leiteten.

Die Weißeritzwasser war damals ein wichtiger Lieferant von Trinkwasser- und Brauchwasser für Dresden. In der Stadt fürchtete man Gesundheitsschäden durch den Genuss dieses Wassers und wirtschaftliche Schäden vor allem für Gerber und Färber, die das Wasser für die Herstellung ihrer Produkte benötigten. Die Stadt veranlasste deshalb selbst chemische Untersuchungen des Wassers und wandte sich am 30. Mai 1807 mit der Bitte um Unterstützung in dieser Sache an die Landesregierung.

Die Landesregierung beauftragte wiederum das Sanitätskollegium mit der weiteren Untersuchung der Angelegenheit. Im Auftrag dieser Behörde wurde am 7. August 1807 an fünf Stellen Wasserproben entnommen. Am 5. Dezember 1807 legen der Hofapotheker Gottlieb Adolph Ortmann und Johann Christian Engelbrecht dazu eine ausführliche chemische Analyse vor. Als Hauptproblem wurde dabei die Verschmutzung des Wassers mit dem damals als Eisenvitriol bezeichneten Eisen(II)-sulfat (FeSO4 ∙ 7 H2O) festgestellt. Der höchste Wert für dieses Salz wurde in einem Graben festgestellt, der oberhalb von Potschappel Kohlenschachtwässer der Weißeritz zuführte. Dort wurden 32 Gran Eisenvitriol pro 10 Pfund Wasser festgestellt, wobei ein Gran etwa 60,8 mg und ein Pfund etwa 467,2 Gramm betrug. In heute gebräuchliche Einheiten umgerechnet ergibt dies etwa 416,4 mg pro Liter. Der niedrigste Wert an Eisenvitriol unterhalb dieser Abwasserzuleitung wurde am Weißeritzmühlgraben bei der Annenkirche mit 2 Gran pro 10 Pfund Wasser gemessen. Dies ergibt in heute üblichen Einheiten etwa 26,0 mg pro Liter. Daraus ergibt sich aus heutiger Sicht jedoch immer noch ein bedenklich hoher Eisengehalt im Wasser. Bei einem Massenanteil des Eisens am Eisenvitriol von 20,09% betrug der Eisenanteil am Wasser an dieser Messstelle etwa 5,2 mg. Dies ist das Sechsundzwanzigfache des in der heute gültigen Trinkwasserverordnung festgelegten Grenzwerts von 0,2 mg pro Liter für Eisen. Den damaligen Bearbeitern dieser Angelegenheit war bewusst, dass die Wasserqualität durch die stark schwankenden Wasserstände der Weißeritz und durch die unterschiedlichen Arbeitsabläufe im Steinkohlenbergbau großen Schwankungen unterlag und sich die festgestellten Werte kurzfristig erheblich verschlechtern konnten. Am Ende Ihrer Analyse leiteten Ortmann und Engelbrecht Handlungsempfehlungen ab. Der Bau eines flachen Bassins, in das das Grubenwasser vor Einleitung in die Weißeritz geleitet werden sollte, damit sich dort das »Eisenvitriol vollkommen zersetzt werde«, wurde nur als zweitbeste Lösung empfohlen. Insbesondere fürchtete man, dass dieses Bassin durch Witterungsunbilden überlaufen könnte. Favorisiert wurde demgegenüber der Vorschlag, die »schädliche[n] Wässer durch einen besonderen von dem Weißeritzbache ganz abgesondert[en] und entfernten Canal zur Elbe« zu leiten. Der Umstand, dass man auch damit das Problem im Wesentlichen nur verlagert hätte, spielte in den damaligen Überlegungen keine Rolle.

Im abschließenden Schreiben der Landesregierung an den Rat zu Dresden vom 16. Februar 1808 wurden jedoch keiner konkreten Maßnahmen zur Reduzierung der Wasserverschmutzung festgelegt. Der Stadtrat wurde jedoch aufgefordert, über künftige Fälle »einer nachtheiligen Waßer-Verunreiniung« Bericht zu erstatten. Über unmittelbar nachfolgende Bemühungen um die Lösung des Problems ist nichts überliefert. Möglicherweise ist die Frage durch die unruhigen politischen Verhältnisse in der Zeit der Napoleonischen Kriege zunächst in den Hintergrund getreten.

 

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(© Quelle: SächsStA-D, 10079 Landesregierung, Loc. 12350/22)

Titelblatt der Akte über die »Untersuchung der fremdartigen Bestandteile« des Weißeritzwassers

Titelblatt eines Archivales
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(© Quelle: SächsStA-D, 10079 Landesregierung, Loc. 12350/22, Bl. 29)

Auszug aus dem Bericht über die Analyse des Weißeritzwassers im Auftrag des Sanitätskollegums durch den Hofapotheker Gottlieb Adolph Ortmann und Johann Christian Engelbrecht vom 5. Dezember 1807, gezeigt wird Seite mit den aus der chemischen Analyse abgeleiteten Handlungsempfehlungen

Auszug aus Analysebericht
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